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20120201/1

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Von Nordafrika ins Dschungelcamp und zurück zur Freiheit

von Maik Weidemann

„Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf. Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die anderen.“ 1. Korinther 10,23-24 (E)
Vor gut einem Jahr ging es los. Während Europa noch im Griff des kalten Winters war, keimte in Nordafrika der Arabische Frühling auf. Menschen gingen auf die Straße. Sie demonstrierten für Rechtstaatlichkeit, Frieden und Freiheit. Sie verurteilten die Unterdrückung, Verfolgung und Vetternwirtschaft in ihren diktatorisch regierten Ländern. Sie waren sehr mutig. Viele dieser Menschen wurden verprügelt, verschleppt, gefoltert und ermordet. Der Arabische Frühling war oftmals blutrot gefärbt.
Die Triebfeder der Massenproteste in der arabischen Welt war der Wunsch nach Freiheit. Die Menschen gingen auf die Straße um ihrer Sehnsucht nach demokratischen Grundprinzipen Ausdruck zu verleihen. Ich habe mich in dieser Zeit öfters gefragt, ob ich mich ansatzweise in diese Menschen hineinversetzen kann – in ihre Wünsche und Sehnsüchte. Kann ich, der ich in einem demokratischen Staat aufgewachsen bin, der niemals staatlich organisierten Terror, Folter und Unterdrückung erlebt hat, der mit 16 Jahren zum ersten Mal wählen durfte, der das Internet unbeschränkt nutzen darf, ernsthaft davon sprechen, die Wünsche und Sehnsüchte dieser Menschen in der arabischen Welt verstehen zu können? Habe ich eigentlich noch eine Vorstellung davon, was es bedeutet in Freiheit zu leben? Muss ich nicht die Unfreiheit erlebt haben um die Freiheit schätzen zu lernen?
Die Forscher des John Stuart Mill Instituts in Heidelberg und des Instituts für Demoskopie in Allensbach gehen sogar noch einen Schritt weiter. Ihre Studie „Freiheitsindex Deutschland“ aus dem vergangenen Jahr, lässt die Vermutung wachsen, dass Menschen, die in unserem Land leben, den Bezug zum Umgang mit der Freiheit verlernt haben. Die Ergebnisse scheinen mitunter paradox zu sein. Zum einen schätzen die Deutschen die Unabhängigkeit. Es ist ihnen zudem ein großes Anliegen diese zu festigen und weiter auszubauen. Zum anderen fordern die Deutschen in Zeiten der wirtschaftlichen Umbruchs- und Krisensituation und in Zeiten des sogenannten Werteverfalls eine stärkere Führung und Leitung durch die Politik und gesellschaftliche Vorbilder. Individuelle Freiheit und Fremdbestimmung – geht das zusammen?
Paulus schreibt davon, dass alles erlaubt ist. Bei diesem Wort riecht es nach einem hohen Wert individueller Freiheit. Schnell möchte man für sich lesen: „Für mich gibt es keine Grenzen! Es ist ja alles erlaubt!“ Aber Achtung! Paulus schreibt an Menschen in Korinth, die vollkommen anders geprägt waren, als postmoderne Individualisten zu unserer Zeit. Er spricht im 1.Korintherbrief verschiedene Gruppen in der korinthischen Gemeinde an – Judenchristen, Heidenchristen, Sklaven, Freie, Propheten, Apostel, Lehrer… Sein Zielpunkt ist nicht, dass sich der einzelne individuell entfalten kann und keine Grenzen mehr gesetzt sind, sondern, dass sich die einzelnen Strömungen und Gruppierungen in der Gemeinde nicht gegenseitig ausspielen. Sein Programm ist das Programm der Einheit der Gemeinde Gottes. In dieser vielseitigen und bunten Ansammlung von Menschen unter dem Wort Gottes ist Unterschiedlichkeit möglich. Gerade darum nimmt er Bezug auf die Früchte des Tuns. „Nicht alles nützt.“ Achtung! Auch dies darf nicht durch unsere postmoderne individualistische Brille gelesen werden. Denn was gibt es heute noch, was nicht irgendwie für jemanden auf diesem Planeten nützlich sein könnte. Schließlich gibt es die kuriosesten Dinge. Menschen lassen sich von Kopf bis Fuß tätowieren und piercen. Andere lassen sich in Australien in ein Promi-Dschungelcamp einsperren. Wieder andere verbringen viele Tage und Nächte ihres Lebens damit um zu chatten oder in virtuelle Spielwelten abzutauchen. Und, und, und… Die Welt ist voller Kuriositäten. In unserer heutigen Zeit gibt es für jede dieser Merkwürdigkeiten aber auch mindestens einen Menschen, der dem etwas Nützliches abgewinnen kann. Das war im antiken Korinth völlig anders. Die philosophisch geprägte Gesellschaftsordnung setzte klar voraus, was nützlich und unnütz war. Wenn Paulus also vom Nützlichen spricht, tut er dies um die Strömungen und Prägungen der unterschiedlichen Gruppen in der Gemeinde in Beziehung zueinander zu setzen. Wenn sich diese unter dem Wort Gottes begegnen, sollen nicht mehr die eigenen Interessen im Vordergrund stehen, sondern vielmehr das, was den anderen nützlich sein kann. Dabei sollen aber keine Grenzen gesetzt sein. Die gelebte Nächstenliebe soll aufblühen.
Aber haben uns die freiheitlichen Gedanken des Paulus dann überhaupt heute noch etwas zu sagen? Wenn wir unsere Zeit nicht mit der damaligen vergleichen können? Ja, das geht! Denn Gott steht über der Zeit und ihren jeweiligen Besonderheiten und Prägungen. Paulus ruft deswegen zur gegenseitigen Achtung und Wertschätzung auf, weil Jesus das Haupt der Gemeinde ist. Das hat seine Gültigkeit auch nach 2000 Jahren nicht verloren. Vielleicht ist dieser Gedanke sogar heute wichtiger denn je. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Christen in der Postmoderne nur noch den ersten Teil dieses wegweisenden Satzes von Paulus kennen würden. „Alles ist erlaubt!“ – Das war’s! Nach mir die Sintflut! Wir müssen neu lernen, dass echte Freiheit miteinander nur in Bindung an den einzigen Herrn der Welt möglich ist. Nicht unser Wort zählt, sondern nur das einzige Wort Gottes – Jesus Christus.
Martin Niemöller, einer der prägenden Personen der Bekennenden Kirche im Dritten Reich schreibt hierzu: In der Bindung an Jesus Christus „wird also der Mensch nicht zur Sache, zum Ding, zum Objekt, hier wird er als Mensch ernst und wichtig genommen. Das ist das ungeheuerlich Neue und Aufregende im Erscheinen dieses Menschen [Anm.: Jesus], dass er jeden Menschen, dem er nahe kommt, für voll nimmt. […] Er bleibt ganz frei, so frei, dass er sterben und sterbend vergeben kann. Und hier sind wir nun im Zentrum der christlichen Botschaft angelangt, an der Stelle nämlich, wo uns Vergebung angeboten wird. […] Wer von Vergebung lebt, der ist wirklich ganz frei, indem er ganz gebunden ist (Ebd., Reden 1955-1957, S.82ff).“
Bindung an Christus und Freiheit zueinander sind kein Widerspruch. Sie sind vielmehr die Grundpfeiler christlicher Existenz. Martin Luther schreibt im vorletzten Abschnitt (Nr. 29) seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ davon, dass der Maßstab der Freiheit der uns dienende Christus in uns ist. „…damit jeder sich seines Nächsten annimmt, als wäre er es selbst. Aus Christus fließen sie [Anm.: die Güter Gottes] in uns; der hat sich unser in seinem Leben angenommen, als wäre er das gewesen, was wir sind.“
Freiheit ist ein geflügeltes Wort geworden. Unterschiedliche Bedeutungsebenen sind möglich. Die Frage, ob ich als postmoderner und demokratisch geprägter Mensch die Wünsche nach Freiheit und Gerechtigkeit in ihrer Substanz wirklich verstehen kann, entscheidet sich daran, inwiefern ich meine eigene Abhängigkeit von dem, der mich wirklich frei macht, verstehe. Jesus Christus löst mich aus allen Bindungen. Ich bin wirklich frei. Es ist mir alles erlaubt. Er ist aber auch der, der sich ganz an mich und mich ganz an sich bindet. Ich bin ein neuer Mensch, ein Christenmensch. Befreit zum Handeln. Befreit zum Dienen. Befreit zur Freiheit.