… ich mach mich auf den Weg …

von Helga Pohl

Es ist Frühjahr 2009 – noch immer überlege ich, wie ich meinen Sommerurlaub in diesem Jahr verbringen möchte. Wie wäre es mit Sonne pur? Will ich alleine oder mit anderen gemeinsam unterwegs sein? Immer wieder kommen mir meine Zeiten, in denen ich stundenlang alleine zu Fuß unterwegs bin, in den Sinn. Hier kann ich ganz viel nachdenken, genieße mich in meinem Rhythmus zu bewegen, bete mal laut und dann wieder leise, trockne mir immer mal wieder Tränen ab und spüre, dass ich im Leben unterwegs bin, mit anderen und mit Gott. Wenn ich dann nach Hause komme fühle ich mich ziemlich erschöpft und doch habe ich das Gefühl, es war eine Zeit, die unendlich gut und wichtig für mich war. Und dann steht mein Urlaubsziel fest: Ich mach mich auf den Weg und gehe pilgern. Nicht den Camino de Santiago - nein, bei uns in der Region gibt es den Pfälzer Jakobsweg und den will ich gehen. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, ich werde nicht alleine unterwegs sein – meine Freundin Ulrike geht mit.

PilgernAm 21. Juli 2009 ist es dann soweit, der Rucksack ist gepackt und wir fahren gegen Abend nach Speyer und übernachten im Bistumshaus St. Ludwig. In dieser Nacht schlafe ich nicht wirklich gut, liege immer mal wieder wach oder stehe am Fenster und überlege, wie die nächsten sieben Tage wohl werden?!

Wir haben uns für die Südroute mit insgesamt 140 km entschieden. Sie führt von Speyer in Richtung Germersheim, Herxheim, Klingenmünster, Erlenbach, Fischbach und Kröppen bis zum Kloster Hornbach. Unsere Tagesetappen liegen zwischen 16 und 28 km. Jeden morgen erreicht uns eine sms von Thomas welche Wegstrecke einschl. Höhenprofil vor uns liegt und was uns wettermäßig erwarten wird.

Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt und so erlebe ich jeden der kommenden Tag sehr unterschiedlich. Meine Schultern müssen sich erst einmal an den großen elf kg schweren Rucksack gewöhnen. Und auch meine Füße erleben ihre Herausforderung. Wir laufen viele Kilometer asphaltierte Wege, und bereits am ersten Abend entdecke ich Blasen an beiden Füßen – direkt an den Fersen. Noch bin ich guter Dinge, dass das alles nicht so schlimm ist!! Die Beschilderungen sind teilweise schlecht und Pilgernso freuen wir uns, „Peter“ (mein Navi) dabei zu haben. Unterwegs begegnen wir immer wieder lieben Menschen, die uns freundlich nach unserem Weg fragen; wir kommen ins Gespräch und irgendwann geht es für uns dann weiter. Ich versuche Dinge, die ich am Wegesrand sehe in Bildern festzuhalten.

An vielen Tagen laufen Ulrike und ich nebeneinander – mal schweigend und dann erzählen wir auch wieder viel. Es dauert nicht lange, bis ich nicht nur mit den Füßen, sondern auch mit meinen Gedanken auf dem Weg ankomme. Und das bedeutet auch, dass wir beide merken, wann jede von uns für die nächste Stunde auch mal alleine laufen möchte. Wichtig für uns: wir verlieren uns nicht aus den Augen. In diesen Momenten genieße ich es meinen Gedanken nachzuhängen und manches im Kopf zu klären, laut zu erzählen oder zu singen. Ich denke viel an die gemeinsamen Jahre mit Martin, es kommen viele schöne Erinnerungen, die Tränen kullern und im nächsten Moment bin ich wieder nur glücklich. Teilweise ist es emotional und körperlich anstrengend, doch abends ist es ein unbeschreiblich schönes Gefühl, für heute am Ziel zu sein, den Rucksack abzusetzen, sich von den verschwitzen Kleidern zu befreien und eine erfrischende Dusche zu genießen. Es fühlt sich nach „loslassen“ an und das in jeder Hinsicht.
Nach sieben Tagen erreichen wir Kloster Hornbach, ein grandioses Hotel. Wir sind beide völlig überwältigt vom Hotel- und Klostergarten und unserer Pilgerzelle. Ein traumhaft schöner Abschluss nach sieben Pilgertagen. Pilgern

Wenn ich heute an meinen Sommerurlaub 2009 denke, dann war pilgern genau das, was ich zu diesem Zeitpunkt brauchte, was mir gut getan hat, mich bei so manchen Lebensfragen weitergebracht hat und was seitdem seine jährlich Fortsetzung (wenn auch nicht immer sieben Tage) findet. Es war und ist eine ganz besondere Erfahrung, die ich in meinem Leben nicht mehr missen möchte.