Mein Jakobsweg – ein Sehnsuchtsweg!

von Andrea Juhler

Der Begriff Pilger kommt aus dem Lateinischen. Pelegrinus bedeutet Fremder. Ich bin als Fremder unterwegs auf fremden Wegen. Man sagt, es sei die Sehnsucht, die den Pilger auf den Weg treibt. Die Sehnsucht einmal auszusteigen, Gelassenheit zu üben, Verzicht auf Liebgewordenes zu üben oder um Orientierung zu suchen in der Lebensmitte, nach gescheiterten Beziehungen oder schweren Krankheitszeiten. Es ist die Sehnsucht sich selbst zu spüren, die eignen Grenzen wahrzunehmen.

Angeregt durch fünf geistliche Impulse gingen die Teilnehmerinnen jeden Morgen die erste Stunde schweigend. Hier nun einige Auszüge aus diesen Impulsen.

Pilgern1. Den Aufbruch feiern:
Noch keinen Fuß auf den Weg gestellt und schon feiern? Macht es nicht mehr Sinn, bei der Ankunft zu feiern, dann wenn der Weg geschafft ist?
Das größte Fest des Volkes Israel war das Passah Fest, ein Fest des Aufbruchs aus Ägypten, aus der Gefangenschaft. Es wurde kein vergleichbares Fest bei der Ankunft gefeiert.
Um Aufbrechen zu können, muss ich loslassen. Menschen, Gewohnheiten, Sorgen, Enttäuschungen. Nichts soll den Weg beschweren. Wen oder was will ich loslassen?
Wer loslassen will, braucht ein Wort der Ermutigung. Jesus lädt uns ein: „Kommet her zu mir alle, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet, ich will euch Frieden geben.“ (Matthäus11,28). Im Abendmahl erleben wir Ermutigung, Stärkung und Zuspruch für den Weg vor uns. Wir feiern den Aufbruch in der Gegenwart Gottes!

2. Der erste Schritt ist immer der Schwerste:
Oft sind wir versucht den zweiten Schritt vor den ersten zu setzen. In dem ich den ersten Schritt bewusst setze, entscheide ich mich herauszutreten aus der Gewohnheit und der Gleichförmigkeit, der Trägheit meines Alltags. Ich trete heraus aus der Lustlosigkeit, der Gleichgültigkeit, der Einfallslosigkeit meines Lebens. Ich steige aus, aus dem festgefügten Fahrplan, den Sicherheiten und Strukturen, die mich bestimmen und oft einengen.
Wir ändern die Perspektive, weil wir oft zu nah dran sind, an unseren Sorgen und Problemen. „Der gewonnene Abstand gibt den Blick frei und ermöglicht eine angemessenen Betrachtung“ (Reinhard Deichgräber)
Folgende Fragen bewegen uns in der Stille:
Welche Gewohnheiten geben mir Sicherheit im Alltag, welche verhindern in mir kreative und schöpferische Fähigkeiten?
Wo gilt es einen Perspektivwechsel zu vollziehen? Wo bin ich manchmal zu nahe dran und benötige Abstand, um ein gesundes Maß zu finden?

3. Das große NICHTS
Mit großen Erwartungen sind wir losgegangen und außer einem schmerzenden Rücken, Blasen an den Füßen und einer Leere im Kopf ist die Sehnsucht noch nicht wirklich ansatzweise erfüllt worden. Unruhe will sich breit machen. Wir erleben unsere eigenen Grenzen (und das ist wirklich so!!!).
„Nicht in den eigenen vier Wänden, sondern an den Grenzen ereignen sich die entscheidenden Entdeckungen. Jede Grenzüberschreitung hat in sich eine wandelnde Kraft.“ (Roland Breitenbach).
Es gehört zum Akt der Verwandlung, dass wir auch unsere Sehnsucht loslassen, damit Raum für Neues entstehen kann. Eine vom heiligen Geist gewirkte Leere, für neue Gedanken und Ziele. „Auf die geistlichen Kostbarkeiten müssen wir gelassen warten; wer angestrengt sucht, der findet die falschen Güter“ aus „Pilgern“ von R. Breitenbach.
Übe dich in Gelassenheit, denn Verwandlung können wir nicht machen, es vollzieht sich leise und unmerklich. Wir dürfen sie an uns geschehen lassen und dankbar annehmen.
„Man muss den Dingen die eigene stille, ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts beschleunigt werden kann. Alles ist austragen – und dann gebären“ (Rainer Maria Rilke)

4. Achtsamkeit:
Das deutsche Wort „achtsam“ hat eine indogermanische Wurzel und bedeutet: nachdenken, überlegen. Achtsam ist also der, der bei dem was er tut, überlegt, was da eigentlich geschieht.
Unsere Sinne und Sensoren sind nicht mehr geschult. Wir sind nicht mehr in der Lage die feinen Töne Gottes in unserem Leben wahrzunehmen. Deshalb sind wir auch nicht mehr in der Lage sein Reden, nach dem wir uns so oft sehnen, zu hören, geschweige denn irgendwie in Zusammenhang zu setzen Pilgernmit den Vorgängen in unserem Leben.
In 1.Könige 19 wird von einer Begegnung des Propheten Elia mit Gott berichtet. Dieses Kapitel sollten Sie unbedingt einmal lesen!
„In welchen Höhlen verstecken wir uns? Wo suchen wir Schutz, in welche Sicherheiten haben wir uns zurück gezogen?“, diese Fragen sollen uns während des Schweigens bewegen. Gott fordert uns herauszukommen unsere Höhlen zu verlassen, damit er sich uns zu erkennen geben kann. Wenn Gott zu uns reden will, dann kommt er immer leise. Dazu müssen wir unsere Höhlen verlassen, unsere Sinne schärfen.
Bedenke: Achtsamkeit ist die Kunst sich selbst und das was um mich herum geschieht in einem größeren Zusammenhang zu sehen!

5. Vom Wunder der Wandlung
Worin liegt der Unterschied von Veränderung und Verwandlung?
Veränderung ist ein Prozess den ich bewusst herbei führe, in dem ich gezielt Weichen stelle, damit sich etwas verändern kann. Verwandlung findet kein Rezept oder eine Anleitung. Sie vollzieht sich leise und unmerklich. Verwandlung hat ihre eigenen Gesetze und ist letztlich ein Geheimnis.
Das griechische Wort heißt: Metamorphose und bedeutet: umgestalten. Dabei denken wir unwillkürlich an die Verwandlung einer Raupe zum Schmetterling. Wir können eine Verwandlung nicht herbei führen, können aber die Bedingungen dafür schaffen, dass sich eine Verwandlung vollziehen kann.
Als biblische Gestalt können wir den Kämmerer in Apostelgeschichte 8 anführen. Von ihm heißt es am Ende der Geschichte: „Und er zog fröhlich seine Straße.“
Die Frage ist: „Welche Bedingungen will ich schaffen, damit sich Verwandlung in mir vollziehen kann?“
Eine solche Verwandlung bleibt nicht verborgen, sie wirkt sich nicht nur auf mich aus, sondern hat auch Einfluss auf meine Umgebung.

(Impulse und Ideen entnommen aus: „Pilgern - Den eigenen Weg finden“, Roland Breitenbach, Herder Verlag und „Und unterwegs wirst du ein anderer Mensch“ Vom Wunder der Wandlung, Reinhard Deichgräber, Brunnen Verlag, Gießen)